Bezirksrathaus Bad Cannstatt – Nichts Neues von der SSB?

Ein Kommentar von airjibeer

Nichts neues vom Umbau der Haltestelle Staatsgallerie, nichts neues zu den bevorstehenden Stadtbahn-Linienunterbrechungen. So könnte man den Auftritt des Duos, welches die SSB ins Bezirksrathaus Bad Cannstatt am 29. April 2015 geschickt hatte, zusammenfassen.

Nur keinen unnötigen Staub aufwirbeln und immer den Eindruck hinterlassen „wir sind die SSB, wir sind doch die Guten“. Ein bisschen Fahrbahn hin und her verschwenken, ein bisschen Kanalverlegungsarbeiten, ein bisschen Rolltreppen stilllegen, alle Haltestellen werden weiter bedient, alles nach Plan, alles im grünen Bereich. Das sind die Erfolgsmeldungen, mehr gibt es eigentlich nicht zu berichten.

Wenn man den SSB Fachleuten zuhört, dann gewinnt man schnell den Eindruck, dass zwar über die Sache geredet wird, man aber dabei möglichst wenig sagen möchte. Und wenn es sich mal nicht vermeiden lässt, dann verpackt als Erfolgsmeldung. Immerhin hat es fast ein Jahr gedauert, bis sich die SSB entschieden hat Bürger und Bezirksbeiräte im Cannstatter Bezirksrathaus über die  langjährigen Linienunterbrechungen bei der U1, U2 und U14 offiziell zu informieren. Es ist ein zähes Unterfangen. Scheibchenweise müssen die Fakten den Fachleuten aus der Nase gezogen werden. Was man zu hören bekommt ist meist schon bekannt oder recht plakativ. Und doch, versteckt zwischen den Sätzen, gelingt es dem aufmerksamen Zuhörer einige neue Erkenntnisse zu gewinnen.

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Erkenntnis Nr.1

Der Zeitplan für die Fertigstellung der Maßnahme steht auf extrem tönernen Füssen, ist maßgeblich vom Baufortschritt der Bahn mit dem Tiefbahnhofstrog abhängig und kann somit schnell zur Makkulatur werden. Die SSB betont zwar, dass Ihre geplante Bauzeit von 4,5 Jahren immer noch als Gesamtbauzeit Gültigkeit habe, weisst aber gleichzeitig auf die Risiken wegen den Abhängigkeiten zu den S21 Bauarbeiten hin. Termine werden nur sehr zögerlicher und unter Vorbehalt kommuniziert. Verbindlich will man sich schon gar nicht äussern. Vertrauen zum Umsetzungs-Partner Bahn sieht wohl anders aus.

Erkenntnis Nr.2

Sie SSB begründet die Fehlannahme, dass die Linienunterbrechung während der Bauzeit von ursprünglich 14 Tagen (festgeschrieben in den Planfeststellungsunterlagen) auf nun 3 Jahre angewachsen ist, mit der schlechten Planung der Bahn AG. Wenn man dieser Begründung folgt, stellt sich allerdings die Frage, wieso man diese nicht ganz so kleine Nebensächlichkeit der SSB geradezu aus der Nase ziehen musste, und wieso die Öffentlichkeit nicht schon viel früher darüber informiert wurde.

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Wegen der angeblichen Planungsunsicherheit, die durch die Wiederbelebung von Stuttgart 21 entanden ist, konnte bis heute kein Aufzug in der Stadtbahnhaltestelle Staatsgallerie installiert werden. Selbst die Rolltreppen fielen jüngst den Bauaktivitäten zum Opfer.

Erkenntnis Nr.3

Die Gesamtkosten für den Umbau – also auch die Zusatzkosten, die der SSB durch Umleitungen, Ersatzverkehr, Fahrplanumbau usw. entstehen – werden laut den SSB-Vertretern zu 100% von der Bahn übernommen, was zunächst als ganz positiv für Kunden dargestellt wurde.

Beim Thema Preisgestaltung versteckt sich die SSB dann doch lieber hinter der VVS mit dem Hinweis, dass man darauf ja überhaupt keinen Einfluss hätte. Anders ausgedrückt: Fahrpreisrückerstattungen für Montats-/Jahresticketbesitzer, die über Jahre schlechtere Leistungen in Kauf nehmen müssen, sind mit der SSB nicht zu machen. Die SSB stellt sich dabei  wiederholt auf den Standpunkt, dass ja alle Haltestellen bedient werden und „jeder Kunde seine Relation finden wird“. „Von einer Serviceverschlechterung könne deshalb ja keine Rede sein“, so die Fachleute der SSB. Diese Argumentation, die eigentlich schon aus dem Rathaus in Stuttgart-Mitte bekannt ist, grenzt strenggenommen an Verhöhnung der eigenen Kundenschaft. Vor dem Hintergrund, dass die VVS (Region) erst kürzlich beschlossen hat, weitere 20 Mio Euro für Stuttgart 21 bereitzustellen, wird die nächste Preiserhöhung in diesem Tarifverbund (in Kombination mit den Aussagen der SSB) bei den Kunden sicher keine Begeisterung auslösen.

Erkenntnis Nr.4

Die U14 gehört laut SSB temporär nicht mehr zu Bad Cannstatt oder anders ausgedrückt: obwohl der halbe Fahrplan umgebaut und an vielen Stellen verdichtet werden muss, erwartet die SSB keinerlei Seiten- bzw. Störeffekte auf andere Linien, die ebenfalls über den Hauptbahnhof geleitet werden. Das wäre wohl ein absoultes Novum in der Geschichte des ÖPNV. Ein über Jahre eingespielter, ausgereifter Fahrplan wird nahezu komplett auf den Kopf gestellt, Lininen werden gleichzeitig verdichtet und die Planer stellen sich auf den Standpunkt, dass das alles problemlos funktionieren wird. Gerade die Stuttgarter S-Bahn zeigt, das so etwas gründlich in die Hose gehen kann, zumal die Stadtbahnen ja nicht nur wie die S-Bahn im geschlossen System fahren, sondern viele Stellen (z.B. Strassenkreuzungen) mit dem überstrapzierten Strassenverkehr teilen müssen (Berliner Platz, Wilhelmsplatz usw.). Die Tatsache, dass die SSB noch massiv am planen oder besser „knobeln“ ist, zeigt ja wie risikant dieses Vorhaben für das noch funktionierende Stadtbahn-System ist.

Erkenntnis Nr.5

Die Verweigerung der Bezirksbeiratsfraktionen von CDU, SPD und Freiewähler sich mit den bevorstehenden Problemen inhaltlich auseinanderzusetzen hinterlässt einen bittern Nachgeschmack für die vielen anwesenden und betroffenen Bürger. Einzig die Fraktionen der Grünen und SÖS/Linke zeigten Bereitschaft  sich inhaltlich und auch kritisch mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Der einzige Beitrag einer FDP-Vertreterin zu diesem Thema war übrigens: „es gab einen Bürgerentscheid, und den habt IHR verloren“.

 

air/30.04.2015