cams21 geht in die Oper: Zu Besuch bei „Don Giovanni“ – Regie Waltraud Lehner – Wilhelma Theater

Mit dem Relaunch im April erweiterte cams21 seinen thematischen Rahmen über das Geschehen rund um S21 hinaus. Immerhin bietet unsere Stadt neben Autoindustrie und Ingenieursausbildung ja bekanntlich ebenso allerhand kulturell Herrausragendes, das auch über die Region hinaus sehr große Beachtung findet.

Den Auftakt zu dieser neuen Reihe über ungewöhnliche Produktionen in und rund um Stuttgart – aber auch weit darüber hinaus – macht der Besuch bei Waltraud Lehner und ihrem Bühnenbildner Benno Brösicke.

www.waltraudlehner.com

www.mh-stuttgart.de

www.stuttgarter-kammerorchester.de

www.wilhelma-theater.de

Einen Besuch dieser Aufführung des Opernstudios, der Musikhochschule Stuttgart und dem Stuttgarter Kammerorchester unter der musikalischen Leitung von Prof. Bernhard Epstein wollen wir hiermit allen ans Herz legen. Auch wer bisher noch nie in einer Oper war, sollte sich diese Produktion im ältesten Theater Stuttgarts nicht entgehen lassen.

Im Sommer 1837 beauftragte Wilhelm I. von Württemberg den Architekten Ludwig von Zanth mit dem Bau eines „Königlichen Hoftheaters zu Kannstatt“, das bereits drei Jahre später, am 29. Mai 1840, eröffnet werden konnte. Das Wilhelma Theater war ein durchaus neuer Typus von Theater – kein Privattheater, das nur der Aristokratie vorbehalten war, sondern ein Bürgertheater. Darüberhinaus ist es das älteste Theater Stuttgarts, das in seiner klassizistischen Bauweise und dem pompejianischen Stil einzigartig in Europa ist. (wilhelma-theater

Wünschenswert wäre eine gelungenere städtebauliche Integration dieser prächtigen Spielstätte mitsamt dem großen Platz davor. Direkt an einer hoch frequentierten Hauptverkehrsader liegt das Wilhelmatheater heute leider eher etwas abseits – schade um dieses Prachtstück.


Waltraud Lehner im Gespräch mit Benno Brösicke:

Premiere 1 am 2. Juni 2012, 19 Uhr
Premiere 2 am 3. Juni 2012, 18 Uhr
Weitere Vorstellungen: 3. / 8. / 9. / 11. / 13. Juni 2012

Don Giovanni     DaeHyun Ahn/Daniel Raschinsky
Donna Anna      Mi Yon Baek/Juliette Vargas
Don Ottavio      Junho Lee/Ewandro Cruz Stenzowski
Komtur              Patrick Zielke/ Yeun Ku Chu
Donna Elvira      Gunta Cese/Jennifer Owusu
Leporello           JunHyog Jung/Patrick Zielke
Masetto             Jongwook Jeon/Johannes Mooser
Zerlina               Isabella Froncala/Maria Pizzuto

Es spielen das Stuttgarter Kammerorchester und
ein Kammerchor aus Studenten der Hochschule

Musikalische Leitung     Bernhard Epstein
Inszenierung                Waltraud Lehner
Bühne                           Benno Brösicke
Kostüme                       Katherina  Kopp

Den Bösen sind sie los. Das Böse ist geblieben.

Über „Don Giovanni“ ist alles gesagt. Seine Charakterisierung als Don Giovanni oder Don Juan in Texten und Kompositionen, in Filmen und der bildenden Kunst liest sich seit der Urfassung von Tirso de Molinas Komödie „El burlador de Sevilla y convidado de piedra“  aus dem 17. Jahrhundert weit über Spaniens Grenzen hinaus bis heute wie ein Telefonbuch.

Im Gegensatz zu Casanova, aus dessen Memoiren wir wissen, wie er als venezianischer Schriftsteller vom 1725 bis 1798 gelebt und dass er der Uraufführung der Oper von Da Ponte und Mozart am 29. Oktober 1787 in Prag beigewohnt hat, ist Don Giovanni, der Archetypus des Verführers, eine fiktive, eine mythologische Figur. Als solche ist er ebenso berühmt und sagenumwoben wie ein Odysseus oder Herkules, wie eine Elektra, Medea oder Kassandra. Mythologische Figuren zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht eindeutig fassbar sind, weil sie von größter Disparität sind und in sich unvereinbare Ordnungen verbinden: Vom virilen, charmanten und charismatischen Verführer über den destruktiven, todessüchtigen Getriebenen bis hin zum wollüstigen, vergewaltigenden und mordenden Ungeheuer reicht die Bandbreite bei Don Giovanni. Keine dieser Fassungen stimmt und alle stimmen; er ist dies alles und er ist es auch nicht, dieser Don Giovanni, dessen erste gesungenen Sätze wie eine Spielanweisung auf der Suche nach der Titelfigur klingen: „Donna folle! … Chi son io tu non saprai!“

Uns wird es in der Inszenierung am Wilhelmatheater weniger um die Entscheidung gehen, für welche Fassung dieser Figur wir uns entscheiden und welche Ordnung am Ende siegt, sondern um die Frage: Was macht den Don Giovanni zum Don Giovanni, genauer: Wer macht den Don Giovanni zum Don Giovanni? Wir begeben uns auf die Spurensuche nicht nur dessen, was Don Giovanni ist, sondern vor allem, was wir aus ihm machen: Wenn Männer und Frauen auf der Bühne wie im Publikum gleichermaßen zu Beginn von seiner grenzüberschreitenden Leidenschaft fasziniert sind, projizieren wir in den Don Giovanni nicht eine Sehnsucht, die wir in unserem eigenen Leben so oft nicht stillen können? Umso erleichterter sind wir, dass derselbe Don Giovanni, den wir eben noch für seine Grenzenlosigkeit bewundert haben, seinem rechtmäßigen Ende zugeführt wird und er in der Hölle schmoren muss, weil er zu weit gegangen ist und so die gesellschaftliche Ordnung gewaltig ins Wanken gebracht hat.

Das Chaos ist überwunden, die Ordnung nach der Bestrafung durch den Steinernen Gast wiederhergestellt – scheinbar: Donna Elvira kann ins Kloster gehen, Donna Anna schindet noch ein Jahr Zeit zur Hochzeit mit dem Tenor Don Ottavio, Masetto und Zerlina essen erst einmal Abendbrot und Leporello sucht sich einen neuen Job. Doch die Gewalt, die von der Titelfigur ausgegangen ist, ist der Figur und der „Oper aller Opern“ – wie der Schriftsteller und Komponist E.T.A. Hoffmann den „Don Giovanni“ von Da Ponte und Mozart so nachhaltig bezeichnete – immanent. Sie ist in der Ouvertüre zu hören, sie setzt sich mit dem Übergriff auf Donna Anna zu Stückbeginn und dem Mord am ihrem Papa, dem Commendatore fort, geht über die Züchtigungen Leporellos und Masettos bis hin zu den bis ins Mark uns erschütternden Schmerzensschreien der Zerlina im Finale I und schreibt sich allen Figuren ein. Wie heiter dabei noch das von Gewalt durchsäte dramma giocoso bleibt, ist ebenso offen wie die Frage nach der Unversehrtheit der Figuren am Ende. Nicht ganz offen bleibt, dass Gewalt Spuren bei Menschen hinterlässt – bei denen, die sie ausüben, und denen, die sie erleben. (www.waltraudlehner.com)