Einstürzende Altbauten. Oder: Die Schule mitten in der Baugrube

Foto: Wolfgang Rüter

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Das Königin-Katharina-Stift Gymnasium direkt neben dem Staatstheater ist eine der ältesten Schulen Stuttgarts und genießt einen respektablen Ruf. Besonders attraktiv macht die Schule ihre zentrale Lage direkt am Hauptbahnhof, so dass sie auch für Schüler aus der Region sehr gut erreichbar ist. Dieser Vorteil könnte sich nun mit den Baustellen des Immobilienprojekts Stuttgart 21 als großer Nachteil entpuppen.

Schon länger kann man sich fragen, wie an dieser Schule noch ein geregelter Unterricht möglich ist. Das alte Schulgebäude ist von drei Seiten von Stuttgart 21-Baustellen umgeben, die teilweise bis direkt an das Gemäuer heran reichen. Eingänge sind versperrt, die Schüler müssen von der Haltestelle Staatsgalerie nun durch schmale, mit Baugittern mehr schlecht als recht abgesicherte Wege über die vielbefahrene Konrad-Adenauer-Straße. Für den neuen Stadtbahntunnel zwischen den Haltestellen Staatsgalerie und Hauptbahnhof musste die Herrenumkleide der Sporthalle verkleinert werden. Und auch für den Düker des Nesenbachs, der direkt an der Schule vorbei fließt, wird nur wenige Meter vom Schulhaus in die Tiefe gegraben. Direkt hier liegt der tiefste und mithin heikelste Punkt des gesamten Projekts Stuttgart 21, denn der Nesenbach muss von hier aus mit viel Schwung unter dem neuen Bahnhof hindurch fließen, um in der Nähe des Planetariums wieder in die bestehende Röhre geführt zu werden. Die Situation wird auf absehbare Zeit auch nicht besser: Wenn bald das Staatstheater umgebaut wird, muss die Sporthalle und wahrscheinlich auch der Parkplatz an der Konrad-Adenauer-Straße dem Kulissengebäude weichen.

Foto: Wolfgang Rüter

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Trotz dieser Situation scheint sich der Lärm durch die Baustellen in Grenzen zu halten, immerhin findet Unterricht statt. Nur die Erschütterungen von den Grabungen rings ums Haus seien doch immer wieder deutlich wahrnehmbar, wird erzählt. Das Gebäude erzittere schon immer wieder in seinen Grundfesten. Es gäbe auch an einzelnen Stellen Risse im Gemäuer, die jedoch genau geprüft und ständig beobachtet würden. Immerhin wurde die Schule in den Sommerferien vor zwei Jahren mit Investitionen von mehreren Millionen Euro auf diese Situation vorbereitet: Lärmschutzfenster und Lüftung wurden eingebaut und das Gebäude insgesamt stabilisiert.

Doch sollte es genau an dieser Stabilität nun mangeln? Vor wenigen Tagen wackelte eine Wand in den Räumen der Schulleitung angeblich derart stark, dass sie vorsichtshalber eingerissen wurde, um niemanden zu gefährden. Die Schulleitung habe derweil Räume im Keller bezogen, bis eine neue Wand eingezogen ist.

Foto: Wolfgang Rüter

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Selbst wenn es sich nicht um eine tragende Wand handelte, stellt sich die Frage, ob eine solche Situation ausgerechnet in einer Schule tragbar ist. Und auch wenn die Schulleitung und die betroffenen Behörden beschwichtigen und beteuern werden, dass das alles nichts mit Stuttgart 21 zu tun habe und die Wand so oder so ersetzt werden müsste, bleibt ein ungutes Gefühl zurück. Ständige Erschütterungen gehen an keinem Gebäude spurlos vorüber. Gerade an einer Schule, in der sich täglich mehrere Hundert Kinder aufhalten, sollte doch gewährleistet sein, dass die Wände – und wenn es auch nur nachträglich eingezogene Zwischenwände seien – nicht plötzlich zu wanken beginnen und eventuell sogar einstürzen. Wäre es deshalb nicht ratsam, die Bauarbeiten rings um das Gebäude so lange einzustellen, bis sichergestellt ist, dass keine weiteren Wände einsturzgefährdet sind? Noch besser wäre es freilich, wenn das Projekt insgesamt eingestellt würde – nicht nur den Schülern des Katzenstifts bliebe jahrelanger Dreck, Lärm und Umstand und ein ungewisses Ende erspart.