In aller Stille oder Frühling in Stuttgart…

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Stuttgart ist meine Heimatstadt. Eigentlich wollte ich immer hier weg. Nach Hamburg in’s Gefahrengebiet, aber irgendwie hab ich es nicht geschafft und bin immer noch hier. Und ich muss gestehen, irgendwann fing ich an diese Stadt zu mögen.

Ich besuchte das Königin-Katharina-Stift Gymnasium, verbrachte all meine Pausen und manchmal auch das „Fernbleiben“ aus der Schule im Park, unter damals schon alten Bäumen.

Als Jugendliche traf ich mich nachts mit meinem großen Bruder, und wir fuhren mit den Inlineskatern durch den Schlossgarten, die Villa Berg, die große Runde durch den Rosensteinpark, dann zur König-Karl-Brücke ein paar Treppen schanzen und wieder zurück, mit Zwischenstopp am Sauerbrunnen.

Den Abend auf einer Wiese im Schlossgarten mit Freunden, wenn in der Dämmerung Feldhasen über die Wiesen hoppelten und am Nachthimmel die Fledermäuse auf Jagd gingen.

Meinen Geburtstag zwischen all den alten Bäumen -Freunde wussten immer wo sie mich an diesem Tag finden…

Im Frühling unter einem Baum mit einem Buch -dem Himmel ganz nah.

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Dann kurz vor dem schwarzen Donnerstag eine Nacht im Park, warten ob sie kommen. Meine Schwester und ich fanden unseren Platz unter einer Scheinakazie, von der aus wir eine gute Sicht auf die Wege in alle Richtungen hatten. Der Baum -unser Wächter!

Immer wieder band ich ein Gedicht an seinen Stamm:

„Nach uns wird bleiben der Baum,

der wortlos Geschichten erzählt von Menschen,

die unterwegs Schutz suchten in seinem Schatten.

Dann der 30.09.2010 – eine Hoffnung, dass all diese Menschen die Bäume doch schützen können. In den frühen Morgenstunden Fassungslosigkeit, Leere und unendliche Traurigkeit.

Unser Baum stand auf dem abgesperrten Gelände und wir waren sicher, dass wir nie wieder in seinem Schatten Schutz suchen können.

Am Tag danach, das Entsetzen über das Loch im Park. Zunächst war ich völlig orientierungslos und wusste gar nicht wo ich bin. Dann der Blick zum Zaun, dort sah ich meine Schwester und unseren Baum -sie hatten ihn nicht gefällt. Tränen der Trauer und der Freude.

Wir hatten einen weiteren Sommer mit unserem Wächter geschenkt bekommen

An Weihnachten saß ich an seinen Stamm gelehnt. Fand noch einmal Ruhe und bedankte mich bei meinem Baum, dass er mich an etwas erinnert hat, was ich als Kind wusste, als Erwachsene aber beinahe vergessen hatte -wenn ich dem Wind in den Blättern lausche, erzählt der Baum mir Geschichten -er hat mir das Zuhören wieder gelehrt.

Februar 2012 .

Bereits am frühen Vormittag war ich im Park. Ich sah eine junge Frau, die sich von jedem Baum verabschiedete.

Meine Schwester kam und legte rote Rosen in den Schnee unter unseren Baum, ein letztes Mal zündeten wir Lichter an…

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Jetzt laufe ich ziellos durch diese Stadt, finde keinen Ort der Ruhe.

Ich stehe irgendwo am Planetarium -es ist Frühling in Stuttgart -meine Augen sehen, mein Hirn arbeitet, mein Herz sucht…und findet nichts!

by njaturtle – zum Wahlplakat der Grünen