Risiken für das Cannstatter Mineralwasser durch chemische Altlasten

Stuttgart, 04.05.2012

Update [04.05.12 13:45 Uhr]:

Aufzeichnung vom 20.04.2012 der Veranstaltung:

 

Presseerklärung von Prof. (i.R.) Dr.-Ing. Dipl.-Chem. Erwin Thomanetz

Risiko 1 für die Mineralquellen: 
Durch leichtflüchtige Chlorkohlenwasserstoffe (TRI und PER) im stark verunreinigten Grundwasser des Stuttgarter Talkessels

Bedingt durch unsachgemäßen Umgang mit TRI und PER durch Industriebetriebe und Chemischreinigungs-Betriebe bis in die 1980iger Jahre, ist das Grundwasser im Stuttgarter Talkessel (und in Teilen Feuerbachs) stark mit diesen Stoffen kontaminiert und strömt seit Jahrzehnten in Richtung der Cannstatter Mineralquellen.
Im Rahmen von Grundwasseruntersuchungen wurden im Stuttgarter Talkessel bisher 643 Eintragstellen für TRI und PER ermittelt. Bei ca. einem Drittel der Fälle werden im Grundwasser dabei Konzentrationen von über 1.000 mg/m3 nachgewiesen. Spitzenwerte reichen bis zu mehreren Hunderttausend mg/m3. Es gibt Hinweise, dass sich im Nesenbachtal noch weitere bedeutende Eintragsstellen für TRI und PER befinden (Siehe: MAGPlan, Referat Städtebau und Umwelt Gz: 7117-00. GRDrs 1327/2009)
Zum Vergleich: der Grenzwert gemäß Trinkwasserverordnung für TRI plus PER liegt bei 10 mg/m3. TRI und PER sind schwer abbaubar und krebserregend.

Bedeutungsvoll ist, dass sich das Grundwasser im Talkessel in verschiedenen „Stockwerken“ befindet, die allerdings Verbindungen untereinander aufweisen, so dass sowohl das oberflächennahe als auch das tiefere Grundwasser im Talkessel betroffen ist.

Weniger allgemein bekannt ist, dass bereits seit Jahrzehnten in einer Reihe der Cannstatter Mineralquellen TRI und PER nachweisbar sind – wenn auch bisher noch in geringen Konzentrationen zwischen 1 und 3 mg/m3 – eine Folge der allmählichen Ausbreitung der TRI und PER Kontaminationsfahne aus Richtung Stuttgart Talkessel.
Im Rahmen eines aktuell von der EU geförderten Projekts „MAGPlan“ der Stadt Stuttgart, werden mit einem Aufwand von 3,2 Mio Euro, in den Jahren 2010 bis 2014, vorrangig die Grundwasserströmungsverhältnisse und die TRI- und PER-Kontaminationsfahnen im Zustrom zu den Mineralquellen im Stuttgarter Talkessel untersucht, um letztlich Klarheit über die hydrogeologischen Gegebenheiten zu gewinnen und ein Sanierungskonzept erarbeiten zu können (MAGPlan Stichwort „Gläserner Grundwasserleiter“)
Das bedeutet, dass die Risiken für die Mineralquellen heute eben noch nicht seriös abgeschätzt werden können, sondern erst frühestens ab dem Jahre 2014 – wenn überhaupt.

Allein auf Grund dieses Sachverhalts sollte die Stadt Stuttgart vorsorglich auf einen Baustopp S 21 hinwirken, zumal Herr OB Schuster wiederholt bekräftigt hat, dass eine Gefährdung der Mineralquellen für ihn ein Auschlusskriterium für S 21 wäre.
Vor diesem Hintergrund ist es auch kaum glaublich, dass das Thema Mineralwasser in der sog. S21 Schlichtung (Schlichter: Heiner Geissler) praktisch keine Rolle gespielt hat.

Zu erwähnen ist, dass es in der Vergangenheit manche Warnungen betreffend Wechselwirkungen zwischen Baumassnahmen und Grundwasserverhalten gegeben hat, welche jedoch kaum ernst genommen bzw. heruntergespielt wurden: So erfolgten in den 1970iger Jahren zeitweilige Schüttungseinbrüche bedeutenden Cannstatter Mineralquellen um ca. 30 Prozent. In dieser Zeit erfolgten Baumaßnahmen für S-Bahn und U-Bahn im Stuttgarter Talkessel. Auch der massive Wassereinbruch im Jahre 2010 in die Keller des Hauses der Geschichte in der Konrad Adenauer Strasse 16, wurde wohl nicht als Warnung verstanden – auch nicht der massive Wassereinbruch im tiefsten Geschoss der Sendezentrale des Südwestrundfunks in der Neckarstrasse 230. Die Stuttgarter Presse jedenfalls hat über diese gravierenden Vorkommnisse nicht und wenn, dann nur recht oberflächlich berichtet.

Fazit:
Die Grundwasserverhältnisse im Stuttgarter Talkessel sind derzeit noch nicht ausreichend verstanden. Ein derart umfangreicher bautechnischer Eingriff, wie S 21, stellt daher ein großes Risiko sowohl für die Schüttung der Quellen als auch für deren Reinhaltung betreffend TRI und PER dar.

Risiko 2 für die Mineralquellen:
Benzol und andere Steinkohlenteer-Inhaltsstoffe vom ehemaligen Gaswerk Gaisburg

Mit die größte Altlast in Stuttgart betrifft das parallel zum Neckar verlaufende Gelände des ehemaligen Gaswerks Gaisburg, in welchem ca. 100 Jahre lang Steinkohle zur Stadtgaserzeugung verschwelt wurde. Bis zur Stilllegung des Gaswerks im Jahre 1974 spielten Belange des Umweltschutzes keine nennenswerte Rolle und Nebenprodukte der Steinkohleverschwelung, hauptsächlich Benzol, Phenole und andere krebserregende sog. „Teer-Aromaten“, sowie Cyanide, Sulfide und Ammonium gelangten in großen Mengen in den Untergrund – nicht zuletzt auch im Zuge von Bombardierungen im 2. Weltkrieg.
Die vom Gaswerksgelände ausgehende Grundwasser-Kontaminationsfahne bewegt sich heute und seit Jahrzehnten dreidimensional dem Lauf des Neckars folgend – allerdings vom tieferliegenden Mineralwasserstockwerk bislang gut getrennt. (Bürgermeister Hahn wörtlich: „Ich wundere mich, dass in der nahe gelegenen Leuze-Quelle bisher keine Schadstoffe angekommen sind“. Pressedienst Stuttgart 11.04.2008 Umwelt)
Der Grund für diesen Sachverhalt liegt in einer Besonderheit des Mineralwassers: es steht unter erheblichem Druck – man sagt auch: dieses Grundwasser ist „artesisch gespannt“. Somit kann zwar Mineralwasser, z.B. in Bohrungen nach oben steigen und als Quelle austreten – aber Wasser aus darüber befindlichen Grundwasserstockwerken nicht nach unten zum Mineralwasser dringen – allerdings nur solange die Druckverhältnisse so bleiben.

Die Altlast Gaswerk Gaisburg ist grundsätzlich als nicht sanierungsfähig einzustufen, allenfalls können mit aufwendigen technischen Maßnahmen in fernerer Zukunft ggf. Teilerfolge erzielt werden. Nach jahrelangen Erkundungsarbeiten wurden derartige Maßnahmen im September 2010 eingeleitet.
Zwischenzeitlich in Betrieb genommen ist eine große Grundwasser-Reinigungsanlage, welche rund 30 Jahre lang in Betrieb sein soll. In Fertigstellung begriffen ist ferner eine 650 Meter lange Wand im Untergrund, welche dazu dienen soll, das kontaminierte Grundwasser von seiner Richtung zu den Mineralquellen abzulenken. Auch sollen Kontaminationsherde ausgegraben werden. Alles in allem Maßnahmen, welche dem Schutz der Mineralquellen dienen und viele Millionen Euro kosten.

Nun sollen im Zuge von S 21 räumlich ausgedehnte und tiefreichende Eingriffe ins Grundwasser des Stuttgarter Talkessel erfolgen. Hierbei besteht das Risiko, die Druckverhältnisse in den Grundwasserleitern – einschließlich der Druckverhältnisse in den mineralwasserführenden Formationen – so zu ändern, dass in der Folge die höherliegenden gaswerksbelasteten Grundwässer in die Tiefe dringen können. Träte dieser Fall ein, so wäre das Stuttgarter Mineralwasser auf unabsehbare Zeit unbrauchbar.

Fazit:
Die Wechselwirkungen der Grundwässer zwischen dem Stuttgarter Talkessel und dem Umfeld der Altlast Gaswerk Gaisburg sind derzeit noch nicht ausreichend verstanden. Direkt oberhalb der Mineralwasservorkommen befinden sich, seit Jahrzehnten, massiv vom Gaswerk belastete Grundwässer, welche nur deshalb bisher nicht zu Mineralwasserverunreinigungen geführt haben, weil es die Druckverhältnisse nicht zulassen.
Ein derart umfangreicher bautechnischer Eingriff, wie S 21, ändert ggf. diese Druckverhältnisse und bedeutet ein großes Risiko sowohl für die Quellschüttungen der Mineralquellen als auch für deren Reinhaltung

Thomanetz
Mai 2012

Presseerklärung:

Professor (i.R.) Dr.-Ing. Dipl.-Chem. Erwin Thomanetz
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