S21 erzeugt S-Bahn Verspätungen: DB sieht keine Chance auf schnelle Lösung

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S-Bahn-Verspätungen – Grünen-Politiker hat nachgefragt

Matthias Gastel, Fraktionsvorsitzender der Grünen in Filderstadt hat die Deutsche Bahn AG im Namen der Grünen Gemeinderatsfraktion am 20. November angeschrieben und sich über die häufigen S-Bahn-Verspätungen im Raum Stuttgart und besonders auf den Fildern beklagt. Das war nicht sein erstes Schreiben an die Bahn, weshalb er den üblichen Ausflüchten und Beschwichtigungen mit diesem Absatz entgegentrat: „Wir bitten die Bahn mit diesem Schreiben um Auskunft, wie auf die Verspätungen reagiert wird. Dabei interessieren wir uns nicht für die Gründe der Verspätungen, sondern wir wollen erfahren, was konkret für Pünktlichkeit und gesicherte Anschlüsse unternommen wird.“

Heute, 4 Wochen und ein paar Telefonate  später, bekam Herr Gastel eine Antwort, die er wie folgt zusammenfasst:
1. Die DB ist selber unzufrieden mit der mangelhaften Pünktlichkeit ihrer eigenen Züge und der unzureichenden Fahrgastinformation über Verspätungen.
2. Wesentliche Ursache für die Verspätungen sind Gleissperrungen am Hauptbahnhof, die seit den Entgleisungen mehrerer Züge bestehen.
3. Der (durch Punkt 2 ausgelöste?) Mischverkehr führt zu Beeinträchtigungen der S-Bahnen.
4. Die DB bestätigt unsere Beobachtung, wonach in Bernhausen überwiegend keine zweite S-Bahn mehr bereit steht.
5. Die DB sieht keine Chance auf eine schnelle Lösung der Verspätungs-Problematik.

Offensichtlich kumulieren sich die Effekte der Bauarbeiten rund um S21 und der vielen Pannen aus jüngerer Zeit sowie die Folgen des Güterzug-Unfalls in Feuerbach zu einem länger anhaltenden Fiasko bei der Stuttgarter S-Bahn. Früher meistens pünktlich und zuverlässig, heute im Berufsverkehr notorisch verspätet mit regelmäßigen Zugausfällen, steht die S-Bahn in Stuttgart jämmerlich da. Es fing mit den Bauarbeiten im Gleisvorfeld an; da musste ein Signal an der Einfahrt in die S-Bahn-Station unter dem Hauptbahnhof versetzt werden, und schon wurde ein böser Planungsfehler manifest: Mit diesem Signal erlosch eine Ausnahmegenehmigung für die S-Bahn aus den Anfangsjahren, wonach die Einfahrt in die Station „auf Sicht“ gefahren werden durfte. Damit war die Luft aus dem Fahrplan raus, und in den Spitzenzeiten konnte die S-Bahn keine Verspätungen mehr kompensieren. Schlimmer wurde es nach dem Weichen-Fiasko, was Gleissperrungen im Gleisvorfeld nach sich zog, und in der Folge müssen einige oberirdisch in den Bahnhof einfahrende Züge die S-Bahn-Gleise mitbenützen. Seither fallen regelmäßig Züge aus.

Eine weitere Engstelle, wo sich S-Bahn und Fernbahnen die Gleise teilen müssen, ist der Bahnhof Feuerbach. Diese war geplant, weil dort gebaut wird. Der Güterzug-Unfall neulich kommt der Bahn als willkommene Ausrede zwar gelegen, doch das Gegenteil war der Fall: Nach dem Unfall hielten die S-Bahnen ein paar Tage lang nicht in Feuerbach, und prompt waren die Verspätungen und Zugausfälle deutlich besser. Leider nur für kurze Zeit. Die Probleme werden bis auf Weiteres fortbestehen, denn die Bahn sieht auch keine Lösung.

Zu allem Überfluss wird gerade der Fuhrpark erneuert. Wie bei der Bahn üblich, werden die zu ersetzenden Triebzüge planmäßig aus dem Verkehr gezogen, denn die vorgeschriebene Wartung der Züge ist natürlich rechtzeitig zu diesen Terminen eingestellt worden. Man kann die alten Züge also gar nicht mehr so einfach reaktivieren, selbst wenn man wollte. Die neuen Züge aber – oje – haben noch keinen TÜV. Genauer gesagt: Die Zulassung durch das völlig überlastete Eisenbahn-Bundesamt steht noch aus.
Matthias Gastel formuliert das so: „Zu 4.: Ich habe telefonisch bei der DB nachgefragt, weshalb in Bernhausen nur noch teilweise ein zweiter Zug bereit steht. Antwort: Für die neuen Züge der Baureihe 430 werden alte Züge nach und nach aus dem Verkehr gezogen. Da die neuen Züge noch nicht vollumfänglich zur Verfügung stehen, kann es sein, dass insgesamt weniger Züge einsatzbereit sind. Hier frage ich mich, wie die DB arbeitet. Weshalb werden Züge aus dem Betrieb genommen, wenn neue Züge noch nicht in vollem Umfang verwendbar sind?“

Was bleibt, ist eine unpünktliche und unzuverlässige S-Bahn im gesamten Raum Stuttgart. Und zwar auf lange Sicht, denn ein Termin für die Freigabe der gesperrten Gleise im Gleisvorfeld ist nicht in Sicht. Ebenso werden sich die Umbauten in Feuerbach noch einige Zeit hinziehen. Als Fazit kann man sagen: Mischverkehr auf S-Bahn-Gleisen bringt immer und dauerhaft Probleme, denn an genau diesen Stellen schaukeln sich Verspätungen der verschiedenen Verkehre in der Hauptverkehrszeit uneinholbar auf. Vor diesem Hintergrund muss man die Pläne der DB, am Flughafen dauerhaft einen Mischverkehr einzurichten, noch kritischer sehen, als sie die Sicherheitsbedenken jetzt schon aussehen lassen. Noch so ein Planungsfehler, den sich die DB nach dem Filderdialog prompt noch vergolden lassen wollte!

Das Antwortschreiben der Bahn an Herrn Gastel wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten. Hier ist es.

Sehr geehrter Herr Gastel,

vielen Dank für Ihre E-Mail, die von Herrn Helaß zuständigkeitshalber an uns weitergeleitet wurde. Bitte entschuldigen Sie, dass wir Ihnen erst jetzt antworten können.

Auch wir sind mit der mangelhaften Pünktlichkeit und den damit verbundenen Anschlussverlusten genauso wie mit der unzureichenden Information im Störungsfall unzufrieden.

Als Kenner der S-Bahn kennen Sie die Leistungsfähigkeit der S-Bahn genauso wie deren Grenzen. Ein wesentliches Problem für die Fahrplanabweichungen ist seit September dieses Jahres mit den Entgleisungen im Stuttgarter Hbf entstanden. Aufgrund dessen sind Gleis 10 im Hauptbahnhof komplett und Gleis 8 teilweise für den Betrieb gesperrt. So müssen Fern- und Regionalzüge die S-Bahn-Gleise zusätzlich nutzen, um auf anderen Gleisen im Hauptbahnhof ein- bzw. ausfahren zu können. Uns sind dadurch noch engere Grenzen gesetzt, die bei einer kleinsten Verzögerung spürbare Auswirkungen für alle S-Bahn-Fahrgäste haben kann. Hinzu kam der Güterzugunfall in Feuerbach, der zudem einen erheblichen Schwergang in den S-Bahnverkehr im Stuttgarter Ballungsraum mit sich brachte.

Nicht nur die vielen S-Bahn-Fahrgäste sind mit dieser Situation unzufrieden. Auch wir. Unsere S-Bahn-Kollegen tun alles in ihrer Macht stehende, um nach Lösungen für einen pünktlicheren S-Bahn-Verkehr zu suchen. Zwar haben wir für verschiedene Szenarien Notfallkonzepte in der Schublade. Wenn jedoch mehrere unvorhersehbare Ereignisse (siehe oben) zusammentreffen, sind uns sehr enge Grenzen gesetzt, um die Pünktlichkeit der S-Bahn zu halten.

Der engmaschige Mischverkehr auf dem Schienennetz kann deshalb gerade in der Hauptverkehrszeit auch weiterhin zu Beeinträchtigungen auf alle Linien der S-Bahn führen. Offen ist, wann das Eisenbahnbundesamt die gesperrten Gleisabschnitte im Stuttgarter Hbf wieder für den Bahnverkehr freigeben wird und wir wieder mit einer Entspannung in dieser Sache rechnen können.

In Filderstadt steht mit Ausnahme der morgendlichen Hauptverkehrszeit der zweite S-Bahn-Zug vorübergehend nicht zur Verfügung. Grund sind die erforderlichen Planungsänderungen zur sukzessiven Einführung der neuen Baureihe 430, welche den temporären Einsatz unterschiedlicher Fahrzeugbaureihen auch auf der S 2 bedingt. Um die Wende- zeit in Filderstadt auf das Notwendigste zu reduzieren, setzen wir zusätzliches Personal ein.

Wir können uns für die Verspätungen und verpassten Anschlüsse bei Ihnen und den vielen S-Bahnfahrern nur ent schuldigen und um Geduld bitten. Eine schnelle und für alle zufriedenstellende Lösung für diese Probleme können wir momentan leider nicht bieten.

Mit freundlichen Grüßen

red/new (20.12.2012)