Schwertransport des Hauptlagers einer Tunnelbohrmaschine

IMG_3827In den Abendstunden des 12.12.13 lieferte die Deutsche Bahn eines der Bauteile für ihre Tunnelbohrmaschine vom Stuttgarter Hafen zum Tunnelmund im Stuttgarter Stadtteil Fasanenhof. Unser Team von Kameraleuten, Fotografen und Redakteuren begleitete den Transport und setzte 3 Schwerpunkte um diese Großveranstaltung der DB möglichst gesamt dokumentieren zu können. Hierbei lag der erste Schwerpunkt am Hafen, der zweite in der mobilen Verfolgung eventueller, nicht geplanter Straßen-Ereignisse und der letzte Schwerpunkt konzentrierte sich auf den Endpunkt der Lieferung, dem Filderportal von S21 am Schelmenwasen am Fasanenhof. Die ca. 8 Stunden Dokumentationsarbeit verliefen letztlich ohne besondere Überraschungen.

Am Stuttgarter Hafen

Während der Vorbereitungen zum Transport fanden sich am Startpunkt bei der Firma Scholpp in Obertürkheim ca. 50 Projektgegner ein, welche von der Polizei mittels Absperrungen von der ersten Kreuzung gehalten wurden. Hierbei ereignete sich dann allerdings brisanter Weise hinter den Absperrungen ein Unfall zwischen einem Polizeifahrzeug und einem LKW. Damit blockierte die Polizei also selbst zeitweise ihren Transportweg. Da der Unfall aber bis zur geplanten Transportzeit aufgenommen und geräumt war, kam es nicht zu einer wirksamen Blockade des Transports durch die Polizei. Während der Überfahrt der Kreuzung versuchten allerdings einige Projektgegner die Absperrungen zu überwinden und wurden von der Polizei abgeführt.

Während des Transports

Die Wahl der Streckenführung kann man vor dem Hintergrund der anhaltenden Proteste gegen Stuttgart 21 nur als „mutig“ bezeichnen. Setzt man hier Maßstäbe von „Castortransporten“ an, dann ist es schon ziemlich gewagt so einen Schwertransport durch die engen Gassen von Scharnhausen zu leiten! Etliche kleine Nebenstraßen, dunkle Gassen und Garagentore luden geradezu ein, mit größerem Blockade-Gerät überraschend aufzutauchen. Doch davon passierte nichts – die Polizei stand sich sozusagen selbst und den Schaulustigen auf den Füßen. Tauchte mal eine gegnerische Fahne auf, wurde die Person sofort von Polizeitrupps umstellt. Wer sich neutral gekleidet gegen diesen Transport äußerte, wurde von solchen Maßnahmen verschont. Am Rand der Strecke waren auf dunklen Parkplätzen Verstärkungseinheiten der Polizei, sowie Gefangentransporter vorgehalten. Neben so manchem Gegner, der erst im Gespräch seine Ansichten darstellte, standen auch einige Schwertransport-Schaulustige an der Strecke, diese wurden aber enttäuscht. Nur den wirklichen Projektbefürwortern stand ein Glänzen in den Augen. Für Schwertransport-„Gewohnte“ stellte dieses vergleichsweise kleine Bauteil keine Besonderheit dar. Auch das große Team von „Paule“ (ein Mitarbeiter sprach von ca. 75 Personen, die hier zuständig waren) empfand nur die enorm hohen Auflagen, und die für alles und jeden Schritt einzuhaltenden Vorschriften als ungewöhnlich. Monatelang wurde der „Castortransport“ (wie er beim Amt verschleiernd genannt wurde) vorbereitet. Das Polizeiaufgebot und die Vorbesprechungen waren enorm, der Transport selbst eher eine Kleinigkeit.

Am Tunnelmund / Fasanenhof und A8

Bereits früh vor der Ankunft des Transportes fand sich hier eine größere Gruppe von Gegnern des Projektes Stuttgart 21 ein. Die Polizei begann recht früh diese angemeldete Versammlung zu umstellen und Gitter aufzubauen. Ca. 90 Menschen bildeten daraufhin eine Sitzblockade in der Einfahrt zur Baustelle. Die Polizei zitierte dann aus einer (bis dato unbekannten) Allgemeinverfügung der Stadt Stuttgart und wieß der Versammlung einen neuen Ort zu. Daraufhin bildeten die Demonstranten eine Sitzblockade direkt vor der Baustellenzufahrt. Während der Transport über die A8 erfolgte, wurde eine Vollsperrung der A8 eingerichtet. Als der Transport zur Auffahrt rollte, setzte sich eine Gruppe Projektgegner auf die Autobahnauffahrt. Sie wurde geräumt und festgehalten, während der Schwertransport direkt an Ihnen vorbei geleitet wurde. Die Sitzblockade an der Baustellen-Einfahrt wurde ebenfalls geräumt und die Blockierer ausserhalb der Absperrungen verbracht sowie deren Personalien aufgenommen bevor der Transport letztlich dort ankam.

Räumung der Blockade an der Baustellenzufahrt, Tunnelmund, Fasanenhof

Und die Moral von der Geschicht…

Die Bürgerbewegung in Stuttgart kann es sich wohl schon auf die Fahnen schreiben, dass sie mittlerweile ernst genommen wird. Anders als bei Einsätzen in der Vergangenheit, bei denen massive Baumaßnahmen bewusst auf zeitliche sowie räumliche Nähe von angemeldeten Demonstrationen gelegt wurden, wurde hier wirklich nicht an Mitteln und Einsatz gespart. Vergleichbar mit Fußballspielen, bei denen Kurzerhand ganze Städte geschlossen und in Fan-Zonen aufgeteilt werden, wurde auch hier keine Zurückhaltung geübt. Fragt sich wie das weiter gehen soll? Dieses Bauteil (vermutlich ein Lager des Antriebs), das jetzt geliefert wurde, stellt gerade mal 8% des Gesamtgewichts und lächerliche 3% der Gesamtlänge dar. Das heißt 92% dieser Maschine werden noch angeliefert, bis dahin steht das Teil dort im Weg herum. Die DB gedenkt mit den Bohrungen bereits Mitte 2014 anzufangen. Obwohl keine größeren Aktivitäten der Gegner des Projektes zu erkennen waren, liefert sich die Polizei eine beispiellose nächtliche Material- und Personal-Schlacht und sperrt unter der Woche mitten im Weihnachtstrubel ganze Autobahnen. In den Medien wird zwar dem unbedarften Leser oder Zuhörer dieses Bauteil als „Lieferung einer Tunnelbohrmaschine“ verkauft, aber die Realitäten sehen doch ganz anders aus.

Da mir auf Nachfrage beim Personal der Stuttgart 21 Ausstellung, in welcher dieses Modell steht, nicht erklärt werden konnte, was da nun wirklich geliefert wurde, und wenn man sich die Berichterstattung der Medien anschaut, fragt man sich automatisch – wie viel von der oft so hochgelobten Volksabstimmung beruht eigentlich auf wirklich informierten Meinungen?
Und wird jetzt bei jedem Transport so ein enormer Aufwand betrieben? Erst die Tage fragten die Medien: Ist es noch gerechtfertigt sich zu versammeln wenn die Inhalte der Versammlung nicht der Mehrheit gefallen und die Einsätze drum herum Geld kosten? Sollte man nicht lieber fragen: Ist ein Rückbau von Schieneninfrastruktur noch gerechtfertigt wenn für jeden Transport dafür Unsummen an Polizeikosten entstehen? Wäre es nicht sinnvoller, dieses ungeliebte Projekt zu beenden und damit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen? Jedenfalls wäre dann so gut wie sicher, dass die wöchentlichen Demonstrationen in Stuttgart schlagartig zurück gehen würden.

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LoB – 17.12.13
tem 16.12.13
dit 15.12.13