Stuttgart 21: Entgleisung in Serie – ein Briefwechsel

Bildquelle: www.schaeferweltweit.de

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Derzeit entgleist Stuttgart 21 täglich ein Stück weiter ins Bodenlose. Ob in geplatzter Finanzierung und damit in Rechtmäßigkeit, ob in mangelhaftem Brand- bzw. Mineralquellenschutz, ob in wankender Betriebsfähigkeit während des stockenden Umbaus des bewährten Stuttgarter Kopfbahnhofs. Eines steht jedenfalls fest, das „Prestigeprojekt“ hängt schief an allen Ecken und Enden. Entgleisung in Serie, wohin man schaut, auf sprichwörtlich allen Ebenen. Dazu ein Briefwechsel.

Im Gegensatz zu reinen Schauveranstaltungen wie der so genannten Volksabstimmung betreiben http://www.parkschuetzer.de/ aktive Bürgerbeteiligung im besten Sinne. Dies geschieht auch in Form von Briefen an die beteiligten Ministerien. Exemplarisch dazu veröffentlicht cams21 einen Briefwechsel zum Thema Entgleisung mit freundlicher Genehmigung der Beteiligten:

Am 2. November 2012 ging folgendes Schreiben einer Parkschützerin an das Ministerium für Verkehr und Infrastruktur, und zwar an die Zentralstelle für Bürgeranfragen S21:

Sehr geehrte Frau Böninger,

am 8.Oktober, also 1 Tag vor der Entgleisung eines Testzuges, hatte die Deutsche Bahn angekündigt, daß die Probleme auf Gleis 10 behoben seien (STZ 9.10.2012). Durch die Testfahrten mit dem Testzug wollte die Bahn beweisen, daß das Gleis 10 wieder befahren werden kann.

Also ging die Bahn am 8.10.2012 davon aus, daß sie die Ursache für die Entgleisungen erkannt und behoben hat.

Zwischen dem 29.9.2012 und dem 8.10.2012 hat die Bahn eine Doppelkreuzungsweiche (DKW) durch eine Einfachweiche ersetzt (weil die DKW nicht so schnell zu beschaffen war). Sie hat aber an Gleis 10 und an
der Zufahrt zu Gleis 10 weiter nichts geändert, soweit ich weiß und der Presse entnehmen konnte.

Sie schrieben ja selbst (als eine Erkenntnis aus der Entgleisung des Testzugs am 9.10.2012), daß eine zu enge Kurve das Problem sei. Eine zu enge Kurve wäre ein Problem der Gleisgeometrie. Vermutlich ist aber
nicht nur eine zu enge Kurve das Problem, sondern die Abfolge einer Linkskurve und einer Rechtskurve ohne die vorgeschriebene Zwischengerade.

Die Bahn hat aber an der Gleisgeometrie nichts geändert, was mich zu dem Schluß bringt, daß sie nicht der Ansicht war, daß die Unfallursache in der Abfolge der Kurven liegt. Die Bahn hatte also vor der Entgleisung des Testzuges die Unfallursache weder erkannt noch behoben.

Die Bahn sowie alle Projektpartner wurden rechtzeitig VOR der Entgleisung des Testzugs von einem Ingenieur auf die mutmaßliche Ursache der Entgleisungen hingewiesen. Da das MVI und die Bahn auf diesen Hinweis immerhin reagiert haben, muß man davon ausgehen, daß dieser Hinweis zur Kenntnis, aber nicht ernst genommen wurde.

In der STZ vom 9.10.2012 ist zu lesen, die Versuchsfahrt sei durchgeführt worden, so ein Bahnsprecher, um die Fahrten zu reproduzieren, die Ende Juli und Ende September zur Entgleisung zweier
IC-Züge im Bahnhof geführt hätten.

Frau Böninger, was ist das denn nun anderes als eine VORSÄTZLICHE Entgleisung? Die Bahn will die wirklichen Ursachen für die Entgleisungen nicht erkennen und ist resistent gegen entsprechende Hinweise. Die Bahn tauscht eine Weiche aus, um die Öffentlichkeit und die Presse zu beruhigen. Vermutlich hat die Bahn sich auch selbst eingeredet, es könnte ja sein, daß die Probleme auf Gleis 10 damit behoben seien. Sonst wäre ja obiges Pressezitat nicht zustandegekommen. Und dann macht man ein paar Testfahrten am hellichten Tag, bringt für Wochen den ganzen Zugverkehr durcheinander, schiebt die Schuld auf die Lokführer und weiht eine Aussichtsplattform ein. Geht’s noch?

Wissen Sie, ich hatte ein ziemlich dickköpfiges kleines Kind zuhause. Das fand, die ganze Welt und alle äußeren Umstände müßten sich immer sofort und unverzüglich nach SEINEM WILLEN richten. So kommt mir die Bahn auch vor. Selbst die Physik und die Mathematik sollen sich nach Grube und Kefer richten, die Schienen sollen sich ja nicht beschweren, wenn es im Gleisvorfeld zu eng ist; die Herbststürme sollen das Bahnhofsdach nur sanft umwehen. Mein Kind hab ich erzogen. Jetzt können wir wunderbar kooperieren, wir bauen zusammen Kopfbahnhöfe und Tiefbahnhöfe aus Schachteln, malen Entgleisvorfelder, singen Widerstandslieder und tun, was in unserer Macht steht. Aber eben nicht mehr. Wir respektieren die Gesetze der Physik und der Mathematik. Und das erwarte ich auch von der Bahn in Zusammenarbeit mit dem Ministerium. Ich sag nur Schrägbahnhof, Tunnelsicherheit, Brandschutz, Entgleisungen, Statik, Kostendeckel.

Die Entgleisungen sind fahrlässig, die Entgleisung des Testzugs vorsätzlich, die ganzen restlichen Zerstörungen mutwillig. Wenn das Ministerium nicht klagen will (die Staatsanwaltschaft wird es auch nicht
freiwillig tun), dann machen Sie bitte, was man mit dickköpfigen kleinen Kindern auch macht. Sie erklären der Bahn, daß Sie sie gut verstehen. Wäre ja zu schön, wenn man ungestraft alles kaputtmachen dürfte und auch noch dafür belohnt wird. Aber daß das Spiel nun leider, leider ein Ende hat. Daß man ja auch mal vernünftig und erwachsen werden muß und zu seinen Taten stehen. Daß dieser Größenwahn nun unwiderruflich ein Ende hat, und daß auch keinerlei Gezeter, auch keine Drohungen, kein Gebrüll und kein Gezappel noch etwas nützen werden. Sie machen dann ein Angebot zur Kooperation, aber zu Ihren Bedingungen. Kostengünstig, sicher, ausbaufähig, stadtverträglich. Manche Leute nennen das K20plus (ein optimierter Kopfbahnhof).

Das ganze Gleisvorfeld ist als ein dauerhaftes Provisorium geplant, das vom EBA überhaupt nicht genehmigt wird. Die Planungsunterlagen zu diesem Gleisvorfeldumbau sind erschreckend ungenau, vermutlich nicht genehmigungsfähig, wie so vieles. Wie praktisch, daß es gar nicht genehmigt zu werden brauchte, weil es ja nur ein Bauhilfszustand ist.

Wenn ich es schaffe, mich in so komplizierte Dinge wie Gleisgeometrie und Unfallursachen einzuarbeiten, dann schaffen Sie das bestimmt auch. Bitte schreiben Sie nicht, die Verantwortung liege beim EBA. Dort liegt sie nicht. Wenn sie bei der Bahn liegt, dann arbeiten Sie darauf hin, daß die Bahn diese Verantwortung ab sofort wahrnimmt.

Mit freundlichen Grüßen, auch an den Herrn Minister,

Ihre …

Sehr geehrte Frau …

vielen Dank für Ihre ausführliche E-Mail vom 2. November 2010, die ich diesmal nicht umgehend beantworten konnte, da ich mir erst gewisse Vorschriften durchlesen musste, um etwas mehr in die Materie einsteigen zu können.

Von einer vorsätzlichen Entgleisung kann man kaum sprechen, denn dies wäre wohl kaum eine nachweisliche Absicht der Bahn. Nur, wie lässt es sich feststellen, ob ein technischer Vorgang, nach gewissen Änderungen, wieder fehlerlos klappt.? Man wiederholt den Vorgang und das war das, was die Bahn gemacht hat.

Es ist gesetzlich festgelegt, dass die unmittelbare Verantwortlichkeit für den sicheren Eisenbahnbetrieb (die sog. Betreiberverantwortung) gemäß § 4 Abs. 3 AEG bei den Eisenbahnen selbst liegt. Demgegenüber ist es Aufgabe der Eisenbahnaufsichtsbehörde, die ordnungsgemäße Wahrnehmung der aus § 4 Abs. 3 AEG resultierenden Pflichten der Eisenbahnen im Rahmen der Eisenbahnaufsicht zu überwachen (§§ 5, 5a AEG). Solche Aufsichtsaufgaben werden gewöhnlich durch anlassbezogene und einzelne, stichprobenartige Kontrollen wahrgenommen. Den Umfang bestimmt im Einzelnen die jeweils zuständige Aufsichtsbehörde im pflichtgemessen Ermessen.

Nach den bekannten Entgleisungen im Hbf Stuttgart hat das EBA eine Untersagung der Benutzung des Gleises 10 erlassen und zwar bis der Nachweis für einen gefährdungsfreien Betrieb seitens der Bahn erbracht ist. Die Versuchsfahrt (bei der es wiederum zur Entgleisung kam) war von der Bahn selbst organisiert worden, das EBA war bei der Versuchsfahrt zugegen.

Weitergehende Vorschriften habe ich leider nicht finden können, evtl. finden sich gleichlautende oder ähnliche Bestimmungen auch in anderen Bereichen wieder.

Mit freundlichen Grüßen

Beatrice Böninger

Ministerium für Verkehr und Infrastruktur
Zentralstelle – Bürgeranfragen S21
Hauptstätter Straße 67
70178 Stuttgart
Telefon (07 11) 231-5848

buergeranfragenS21@mvi.bwl.de

Mittwoch, 12. Dezember 2012

cams21 berichtete über die Zwischenfälle im Gleisvorfeld, mehr dazu:

http://cams21.de/stuttgart-21-ursachenforschung-entgleisung-im-gleisvorfeld/

red/new (15.12.12)