Was wurde eigentlich aus Planfeststellungsabschnitt 1.5 ?

Am 1. Januar 2013 hatten wir uns bereits in einem Artikel  ausführlich mit dem Planfeststellungsabschnitt 1.5 und den Baustellen in Bad Cannstatt befasst. 11 Monate später haben wir uns an einer dieser Stellen nochmal umgesehen.

Die Bautätigkeiten am Verkehrsknoten Leuze und am Neckarknie sind mittlerweile für jedermann sicht- und spürbar. Was für den einen einer beispiellosen Zerstörungsorgie gleichkommt, verbinden andere mit der Hoffnung auf weniger Stau in Deutschlands Stauhauptstadt. Die Bauarbeiten, die diese Hoffnung nähren, gewinnen langsam aber sicher an Fahrt, es ist der neue Rosenstein Autotunnel, an dem sich die Geister scheiden.

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Baustellenverkehr am Sonntag auf der Neckartalstr. (B10)

Vehrkehrsknoten durch Großbaustellen an der Belastungsgrenze

Und tatsächlich staut sich exakt an jener Stelle, an der künftig der Tunnelmund des neuen Rosensteintunnels münden soll, täglich der Verkehr bis an die Belastungsgrenze. Mittlerweile nicht nur an Werktagen und zu den Hauptverkehrszeiten, sondern auch Mittags und an Wochenenden. LKWs, aufgereiht wie auf einer Perlenschnur belagern die rechte Spur auf dem mühsamen Weg über den Pragsattel. Dazwischen: der Baustellenverkehr.

Künftig werden nach Auskunft des Tiefbauamtes an dieser Stelle täglich noch ca. 60-80 zusätzliche LKW-Fahrten für den Tunnelbau stattfinden, und man geht dabei lediglich von den Massentransporten für den Abraum aus dem Tunnelbau aus. Beton, Stahl und sonstiges Material muss ja auch noch irgendwie Zugang zu dieser Großbaustelle finden. Die Stadt Stuttgart sieht darin jedenfalls keinerlei Probleme, denn das Verkehrssystem verträgt das alles an dieser Stelle so ist man sich  im Tiefbauamt sicher.

Und Stuttgart 21?

Was hat das Ganze nun mit dem Immobilien- und Bahnprojekt Stuttgart 21 zu tun? Gar nichts, diesen Eindruck vermittelt zumindest das Tiefbauamt, denn die zahlreichen Baustelleneinrichtungsflächen, die sich an diesem verkehrlichen Nadelöhr ausgebreitet haben werden zur Zeit ausschliesslich für das Autotunnelprojekt benötigt. Zwar hat man bei einer Informationsveranstaltung im Kursaal am 01.07.2014 nebenläufig – fast kleinlaut möchte man sagen – erwähnt, dass diese Flächen später auch von der Bahn benutzt werden  können, Zeitangaben und Termine wollte man dazu vorsichtshalber jedoch nicht nennen. Eigentlich verwunderlich, denn man sollte davon ausgehen können, dass gerade das städtische Tiefbauamt in die Bautätigkeiten der Bahn, die sich ja immerhin auf das gesamte Stadtgebiet ertrecken und viele Hauptverkehrsadern beeinträchtigen, zumindest auf Informationsebene eng miteingebunden sein müsste.

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Auf engstem Raum: Baustelleneinrichtungsfläche für den Rosensteintunnel

Möglicherweise ist diese Vorsicht jedoch geboten, denn normalerweise sollte das Milliardenprojekt der Bahn längst fertig und in Betrieb gegangen sein, bevor man mit dem ebenfalls umstrittenen Autotunnelprojekt beginnen möchte. Jetzt, da das bestgeplante Bahnprojekt aller Zeiten bekanntermaßen mit vielen Jahren Verzögerung und sehr holprig an den Start gegangen ist, kommen sich die beiden Großbaustellen an dieser Stelle in die Quere. Kein Problem, sagt sinngemäß das Tiefbauamt, aber die fehlende Begründung, wieso man sich hier mit Informationen dermaßen zurückhält, läßt viel Raum für Spekulationen zu.

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S21 Baumaßnahmen in Bad Cannstatt, die bereits 2010 angekündigt wurden

Zeitpläne, Planungsstände, Planänderungen

Fakt ist jedoch, dass die Bahn auch in diesem Bereich, der zum Planfeststellungsabschnitt 1.5 (kurz: PFA 1.5) gehört, dem Zeitplan massiv hinterherhinkt. Das belegen Unterlagen, die aus einer Präsentation stammen, welche am 17.11.2010 bei einer Informationsveranstaltung der Bahn zum PFA 1.5 im Cannstatter Bezirksrathaus statt fand. Immer wenn die Bahn Erfolgsmeldungen im Zusammenhang mit dem PFA 1.5 verkündet, dann ist damit meist nur der sogenannte „Cannstatter Ast“ gemeint, welcher sich auf den Bereich Ehmanstrasse beschränkt. Zu den restlichen Bauaktivitäten und Terminen im PFA 1.5, die sind nicht weniger kompliziert sind (auch hier ist die Gefährdung des Mineralwasser ein Thema), findet man keinerlei Informationen.

In dieser Präsentation wurde der Abbruch des Elefantenstegs auf das Frühjahr 2011 terminiert und die Verlegung der Stadtbahnhaltestelle Wilhelma, die ja auch der Baulogisitk im Weg ist, sollte bereits im Herbst 2012 in Angriff genommen werden. Weitere im Jahr 2010 angekündigte Baumaßnahmen aus dieser Präsentation:

  • Erstellung der Baulogistikstrasse
  • Abbruch der Holzbrücke
  • Verlegung der Fahrbahn (B10) im Bereich des U-Turns
  • Weitere Baustelleneinrichtungsflächen unterhalb des Stadtstrandes und auf der Neckar-Trennmole
  • Fahrbahnverlegung/Verengung im Bereich der Schönestrasse (ein weiteres stauträchtiges Nadelöhr in Bad Cannstatt)

 

Nun könnte man vermuten, dass zumindest der Abriss des Elefantenstegs und die sichtbare Baustelleneinrichtungsfläche mit etwa 2 Jahren Verzögerung in Angriff genommen wurden. Tatsächlich sind diese Arbeiten maßgeblich auf die Vorarbeiten für den Rosenstein-Autotunnel zurückzuführen. Das hatte das Tiefbauamt in diversen Informationsveranstaltungen so dargestellt. Die Angaben des Tiefbauamtes werden durch einen sehr interessanten Umstand untermauert: Zu den genannten Bauarbeiten findet man nichts im offiziellen Zeitplan der Bahn. Auch der aktuelle Quartalsbericht der Bahn zum Gesamtprojekt schweigt sich dazu aus. Das Letzte, was man über diesen Abschnitt in der Stuttgarter Zeitung lesen konnte waren Berichte über eine weitere Planänderung bei der Neckarbrücke bezüglich der Brückenpfeiler und über den Betreiber des Stadtstrandes, der wegen der Bauarbeiten keine Existenzängste hat.

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Planungsstand aus dem Jahr 2010 zur neuen Eisenbahnbrücke über den Neckar

Die Bürger und betroffenen Anwohner von Bad Cannstatt dürfen also weiterhin gespannt sein, wann die Bahn gedenkt ihre aktuellen Planungen und Terminvorstellungen zu präsentieren oder wenigstens zu aktualisieren.

Air/22.11.2014