DAS HABEN SIE DAVON – Gedanken zum 30.09.

IMG_7386Der 30.09.2010, der „schwarze Donnerstag“, war eine Zäsur für Stuttgart, für die Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 und für alle Demonstranten, die sich an diesem Tag im Schlossgarten befanden. Die entsetzliche, stundenlange Gewalt gegen friedliche Menschen, die staatlich angewiesene Machtdemonstration zur Durchsetzung privatwirtschaftlicher Interessen, die bis in die Morgenstunden andauerte, wird wohl niemand, der das miterlebt hat, je vergessen. Es ist wahrscheinlich auch nicht übertrieben, von einer traumatischen Erfahrung zu sprechen.

Nie zuvor hat mich ein öffentliches Ereignis so mitgenommen: Trauer, Wut, Empörung, Ohnmacht bestimmten monatelang meinen Gefühlshaushalt. Nicht nacheinander, sondern gleichzeitig! Regelmäßig schoß mir Adrenalin ins Blut beim Anblick des Schlossgartens, beim Anblick von Polizisten, beim Anblick von alten Pappeln und Blutbuchen, beim Anblick von Hamburger Gittern, beim Hören von Kettensägen, beim Hören von Trillerpfeiffen, beim Hören von Trommeln, beim Hören von brechendem Holz – es gibt ein Geräusch – ich weiß immer noch nicht genau, welches es ist – das mich sogar heute noch regelmäßig, wenn die Radionachrichten im SWR kommen, an diesen Tag erinnert. Dieses oder ein ähnliches Geräusch muss auch am 30.09. zumindest für mich sehr präsent gewesen sein.

Tränen der Trauer, Tränen der Wut, Tränen der Empörung und Tränen der Ohnmacht liefen mir monatelang regelmäßig über die Wangen. Selbst heute kann es noch passieren, dass mir die Tränen kommen, erst vor wenigen Tagen zum Beispiel beim Lesen dieses Textes.

Nach vier Jahren hat sich mein Gefühlshaushalt größtenteils normalisiert, die meisten Wunden sind inzwischen verheilt, nicht mehr jeder Anblick eines Polizisten setzt Adrenalin frei. Aber normal – also so, wie vor diesem Tag – ist nichts mehr.

So schlimm diese Erfahrung gewesen ist, so physisch und psychisch schmerzhaft dieser Tag gewesen ist, so fast dankbar bin ich heute dafür. Es ist, als wäre alle Energie, die die Polizisten in die Hiebe ihrer Schlagstöcke und in die Stöße ihrer Wasserkanonen gelegt haben, auf uns übergegangen. Mit jedem Hieb, mit jedem Wasserstoß, der uns traf, tankten wir gleichsam Energie. Bis heute ziehe ich noch Kraft aus diesem schrecklichen Erlebnis und ich bin davon überzeugt, dass die Montagsdemo ohne den 30.09.2010 heute nicht mehr existieren würde. Die meisten heutigen Montagsdemonstranten waren auch am 30.09. im Park.

Der 30.09.2010 hat mir nicht nur ein nahezu unerschöpfliches Maß an Kraft für den Widerstand gegen Stuttgart 21 beschert, sondern hat mir auch in einer Geschwindigkeit die Augen geöffnet, wie es ohne diesen Tag so schnell niemals geschehen wäre. Im 30.09. selbst, aber auch in der nachfolgenden öffentlichen Berichterstattung und in der zähen politischen und juristischen Aufarbeitung dieses Tages kristallisierte sich die Arroganz der Macht in einem Perfektionsgrad, der zumindest für mich alles andere in den Schatten stellte. Wirtschaft, Politik, Presse und Justiz gaben (und geben sich noch) hier in einer Art und Weise gegenseitig Rückendeckung, die alle darauf folgenden Maßnahmen einer demokratischen Beteiligung von Bürgern als Farce entlarvte.

Am 30.09.2010, an dem aus Kastanien Pflastersteine wurden; an dem kein Verantwortlicher vom Feldherrenhügel aus Verletzte gesehen haben will; an dem mehr anonyme Demonstranten zur Strafverfolgung identifiziert werden konnten als namentlich bekannte Polizisten; an dem mit Staatsgewalt ein Unternehmen trotz Verbots der Aufsichtsbehörde seine Interessen gewaltsam durchsetzen konnte; an dem zeitgleich zum Polizeieinsatz der Oberbürgermeister (oder war’s der Ministerpräsident?) weinselig am Biertisch saß und der Polizeipräsident eine Pressekonferenz gab; an dessen Aufarbeitung die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen sich selbst ermitteln darf; an all diesem zeigt sich das „System S21“ in Reinform.

Inzwischen sollte jedem klar sein, dass das „System S21“ die Normalität in Deutschland darstellt. Überall kann man beobachten, wie wir verarscht und manipuliert werden, wie „Brot und Spiele“ heute noch erschreckend effizient wirken. Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt – wie eben an diesem 30.09.2010. (Ein wirklich beeindruckendes aktuelles Beispiel irrsinnigster Manipulation findet sich übrigens hier.)

Es ist wichtig, dass wir den vierten Jahrestag des 30.09. begehen (hier das Programm). Denn wir vergessen ihn nicht – wir können ihn gar nicht vergessen. Aber anstatt nur anzuklagen, anstatt nur zu trauern, anstatt mich nur zu empören werde ich diesen Tag auch dazu verwenden, allen Beteiligten des „Systems S21“ von Herzen zu danken! Zu danken dafür, dass ich seit dem 30.09. endlich weiß, wie es um uns steht und sie mir vor Augen geführt haben, dass das für mich bis dahin Unvorstellbare durchaus möglich und fast schon normal ist. Der Massivität dieses Einsatzes vor vier Jahren ist es zu verdanken, dass wir heute noch so zahlreich und nicht nur gegen Stuttgart 21 auf die Straße gehen und auch, dass keiner der Demonstranten vom schwarzen Donnerstag jemals wieder die Augen verschließen wird. Das empfinde ich als großes, Mut machendes Glück!

Und das haben sie davon. Ja, das haben Sie davon!

Oben bleiben!

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