Leuchtpunkte gegen Unpünktlichkeit

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Moderne Bahntechnik (Foto: cams21)

Nun wissen wir also einmal wieder, wer die Schuld an der Unpünktlichkeit der Bahn und der S-Bahn hat. Nicht etwa marodes Material, das zu massiven und regelmäßigen Störungen an Lok oder Weichen oder Signalen führt; Nicht etwa zu eng getaktete Halte- und Umstiegszeiten und zu wenig Ausweichstrecken, die kleine Störungen schnell zu großen werden lassen; Auch nicht etwa die viel zu vielen Baustellen im Netz von Stuttgart, die zur Langsamfahrt zwingen oder Regional- und Fernverkehrszüge auf S-Bahn-Gleise umleiten. Nein, das eigentliche Problem sind die Fahrgäste, die Kunden der Bahn. Weil diese zu trödelnd ein- und aussteigen, weil sie dem Herdentrieb folgend immer in volle Wagen einsteigen wollen, obwohl an anderer Stelle leere Wagen sind, weil sie an Stellen der langen Bahnsteige stehen, wo der Zug gar nicht hält und dann erst zu einer Tür rennen müssen … all das verlängert die Haltezeiten so stark, dass die Bahn unpünktlich wird. Gut, hin und wieder ist es auch das Wetter, das die Bahn aus dem Takt wirft, aber das ist eine andere Geschichte. Alle reden vom Wetter, die Bahn nicht – die redet lieber vom lästigen Kunden.

Es gibt Menschen, die behaupten, dass die jahrelangen, zahlreichen sogenannten Serviceoffensiven der Bahn eigentlich zum Ziel gehabt hätten, die Kunden abzuschrecken und davon abzuhalten, mit der Bahn zu fahren. Weil das aber offensichtlich nicht in dem Ausmaß fruchtete, hat sich die Bahn nun also eine neue, innovative Idee einfallen lassen, mit der man den lästigen Kunden zukünftig zum zügigen, schnellen, ja, »richtigen« Ein- und Aussteigen bringen soll. Leuchtende Bahnsteigkanten weisen in Bad Cannstatt nun testweise den Weg zu den »richtigen« Wagen und Türen und Ein- und Ausstiegsstandorten. Schon vor dem Einfahren des Zuges leuchten Punkte im Beton auf und zeigen Pfeile und gelbe, grüne und rote Punkte an und sollen so dem Kunden signalisieren, wo er sich am besten postieren möge, um den Verkehr nicht aufzuhalten. Dass die leuchtenden Punkte auf dem Boden montiert sind, kommt der deutschen Untertänigkeit zu Gute, denn wo, wenn nicht auf den Boden, sollten wir dankbar und ehrfürchtig blicken, wenn ein pünktlicher Zug in den Bahnhof einfährt! Gleichzeitig ist die Lage auch der modernen Zeit geschuldet, denn so muss der wartende und auf sein Smartphone blickende Kunde nicht mehr den Kopf heben, um nach einer Türe zu schauen. Ein kurzer Seitenblick neben das Handydisplay reicht aus und der Kunde weiß, wo sich die nächste Tür öffnet. Vorsicht ist nur geboten, dass der Kunde dann auch noch wartet, bis der Zug an der Bahnsteigkante hält und er nicht vorher einsteigen will, weil die Punkte grün leuchten. Aber das werden Anfangsschwierigkeiten sein, die sich sicher beheben lassen.

So sind wir nun also froh, dass die Bahn in diese moderne, sehr deutsche und innovative Art der Kundenlenkung investiert und nicht in Signale, Weichen, Toiletten oder Lokomotiven. Und wenn es schneit? Dann sind die Punkte verdeckt. Dann kommt es neben Verspätungen durch eingefrorene Weichen auch noch zu Verspätungen wegen nicht sichtbarer Einstiegshilfen und desorientierter Fahrgäste … Aber noch ist ja alles im Testbetrieb. Und sicher wird die Bahn feststellen können, dass der Zugverkehr deutlich pünktlicher wird, weil an einer einzigen Bahnsteigkante Leuchtpunkte montiert sind. Das zu berechnen ist für sie sicher ein Leichtes. Sie hat ja schon ganz anderes ganz wunderbar berechnet.

zwu/27.02.2018

3 KOMMENTARE

  1. Wer seine Augen am Stuttgarter Hauptbahnhof Gleis 101 und 102 auf den Boden richtet, findet dort schon seit Jahren sogenannte Einstiegsmarkierungen am Bode aufgezeichnet. Jedes Mal wenn eine S-Bahn stehen bleibt, sind Türen zum Ein- und Ausstieg genau an diesen Markierungen vorzufinden. Ich beobachte Häufiger Kindergartenkinder mit ihren KindergärtnerInnen die diese Punkte gezielt benutzen, um gewährleisten zu können, das die Kinder richtig einsteigen können. Also ist das ganze nichts neues und wird was meine Beobachtungen am Hauptbahnhof Tief angeht, mit Interesse benutzt.

    Zudem beobachte ich auch, dass Reisende mit der Bahn wirklich immer nur in am der Spitze, Ende und in der Mitte des Zuges zusteigen. Dadurch gibt es dieses von der Bahn unschöne Gedränge mit Verzögerungen beim Ein- und Aussteigen. Leider muss man der Bahn in dieser Hinsicht Mal recht geben, das sich dadurch die Haltezeiten zeitlich in die Länge ziehen können. Die SSB startete deswegen vor ein paar Jahren ihre Informationsstrategie mit Infovideos und Durchsagen, das erst ausgestiegen werden lassen sollte, damit es zu keinen Behinderungen und Gedrängel kommt. Wie man sieht, hatte auch die SSB erkannt, das der Kunde Fahrgast einen erheblichen Beitrag zur Unpünktlich- und Pünktlichkeit eines Unternehmens leisten kann.

    In diesem Sinne. Gehabt euch wohl.

  2. Das mit den Haltepunkten ist eine gute Idee, das funktioniert ja auch bei der Straßenbahn. Ob das aber bei der Bahn funktioniert? Das würde ja voraussetzen, dass die Bahn im Vorfeld weiß, aus wie vielen und aus welcher Wagenart ein Zug besteht und vielleicht sogar in welcher Reihung, auch müssten die Bremsen so zuverlässig funktionieren, dass die Züge immer korrekt zum Stehen kommen … Aus Erfahrung klappt das bei der Bahn aber auch nur semi-gut. Aber bestimmt macht das eine intelligente Lichtpunkt-Bahnsteigkante zukünftig deutlich besser … 😉

  3. Danke, Zwuckelmannn! Genau diesen Gedanken hatte ich bei der gestrigen Meldung auch: der Kunde behindert den Bahnverkehr.

    Andererseits sind feste Haltepunkte in Japan bereits seit vielen Jahren Standard. Jeder Zugführer muss so halten, dass der Zug passend steht. Tut er das nicht, begeht er vermutlich Selbstmord.

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